Yazar Kemal: Zorn des Meeres
„Der Zorn des Meeres wird über uns kommen, der Zorn des Meeres, nach dem Bösen, das wir ihm angetan haben, wird es uns nicht eine Sprotte mehr schenken.“
Der Schiffsjunge Zeynel erschiesst in einem Kaffeehaus des Fischerdorfs vor den Augen aller Fischer Ihsan, einen der Fischer. Niemand, schon gar nicht der Leser, weiss aus welchen Gründen er das tat. Die anderen im Kaffeehaus fürchten, dass Zeynel auch sie töten würde, da sie alle den Waisen Zeynel ebenfalls gedemütigt und ausgenützt haben.
In Yaşar Kemals Roman „Zorn des Meeres“ verfolgt man zwei Geschichten, die von Selim, dem Fischer, und die von Zeynel, dem Mörder. Beide irren wie im Delirium durch halb Istanbul: Selim, während seine Kollegen im Marmarameer die letzten seiner geliebten Delphine massakrieren, Zeynel, auf der Flucht vor der Polizei. Als sich die beiden Aussenseiter am Ende wiedertreffen und Selim Zeynel verspricht, ihm auf der Flucht zu helfen, schliesst sich der Kreis und es kommt zum Showdown auf Hoher See.
Kemal stellte mit seinem Buch den Kampf der Menschen gegen die Natur dar, dargestellt durch die Fischer, die das Meer überfischen und schliesslich noch die Delphine töten und so ihr eigenes Schicksal besiegeln. In Zukunft werden sie mit Fabrikschiffen arbeiten, welche im Meer nichts als Leere zurücklassen.
Selim und Zeynel sind die tragischen Helden in ihrem letztlich aussichtslosen Kampf gegen die Kapitalisten und Mächtigen der Gegend, und ihrem Versuch in Eintracht mit der Natur und menschenwürdig zu leben.
Das Marmarameer, das den Fischern Leben spendet und es bewahrt, bildet die Kulisse für die Geschichte von Zeynel und Selim und stellt die Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur dar. Die Fischer, die den letzten Delphinen des Bosporus nachjagen, um den Europäern Tran zu liefern, Selim der verzweifelt dem grössten Fisch des Meeres nachjagt und ihn wieder freilässt, dies bildet den Epos von Yas¸ar Kemal über die Fischer Istanbuls. Franziska Burger |