Latif Tekin: Der Honigberg
Müllhaufen türmen sich am Stadtrand von Istanbul. Windschiefe Hütten entstehen über Nacht. Die Bewohner wissen, nur wer ein Haus hat überlebt. Siebenunddreissig Mal werden die Hütten abgerissen, und der Wind setzt ihnen zu. „ Wir sagen einfach, der Müll gehört uns, und bauen die Häuser.“, meinen die Bewohner. Es entsteht „ der Honigberg“. Ein Stadtviertel geprägt durch illegal erbaute Hütten. Das Recht sich über Nacht ein Haus zu bauen wurde aus dem Osmanischen Reich übernommen. Ausgenutzt von den Fabrikbesitzern nebenan, gegängelt von deren Parteien und terrorisiert von Jugendbanden, die der Müllbesitzer organisiert, entwickelt sich die Siedlung am Stadtrand zu einem Slumgebiet, indem vom Kaffeehaus über Drogen bis hin zu Nutten alles vorhanden ist.
Latif Tekins Burleske ist tragisch und komisch zugleich und lässt dem Leser gleichzeitig viel Interpretationsfreiheit.
Heutzutage sind die Gecekondus geheissenen Siedlungen über Nacht in ihrer ursprünglichen Form in Istanbul kaum mehr anzutreffen. Die Hütten wurden abgerissen, an ihrer Stelle stehen oft staatlich gebaute mehrgeschossige hohe Betonburgen, die den Status einer unteren Mittelklasse repräsentieren.
Vera Reifler |