Demir Özlü: Der Beginn einer Liebe
„Die Kirche war erst zu sehen, wenn man sich ihrem Tor näherte. Auf diese Weise verharrte sie zwischen den anderen Gebäuden wie ein verdeckter, geheimer Tempel.“
Der „Beginn einer Liebe“ umfasst 15 Kurzgeschichten Demir Özlüs. Die Schauplätze der einzelnen Erzählungen sind Galata, Bes¸iktas, Galatasaray, Nisantas¸ı, Beyog˘lu und andere Istanbuler Viertel. Während der Lektüre erhält man Einblick in das alltägliche und teils merkwürdige Leben von Sait, Ferit, Ahmed und anderen Charakteren.
In der Erzählung „Yerebatan“ z.B. verirrt sich der Protagonist und findet sich plötzlich in einer veritablen Unterwelt, einer eigentlichen Parallelwelt zu den vertrauten Strassen Istanbuls, wieder. Den Leser beschleicht dabei unweigerlich ein kafkaeskes Gefühl.
„Ein Mittag in Beyog˘lu“ und „Bedrückende Strassen“ zeigen wiederum wie sich das Stadtbild – unter anderem durch die Verwestlichung und modernistische Reformen verändert hat. Die Nostalgie ist hier mit Händen greifbar.
Ein wichtiges Motiv, das in vielen Kurzgeschichten erscheint, sind die Kirchen, die auch im muslimischen Istanbul überleben konnten. Hier ist anzumerken, dass das Osmanische Weltreich, wie auch zuvor das Maurische Reich oder etwa das Achämenidenreich, relativ tolerant gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten war. Das Kirchenmotiv ist als Sehnsucht des Autors nach dem alten multikulturellen Istanbul zu lesen – also auch hier eine Nostalgie. In der Kurzgeschichte „Hotel Alp“ ist der Protagonist nachts mit illegalen politischen Tätigkeiten beschäftigt. Auch Demir Özlü war während des Militärputsches von 1971 in die Tätigkeiten einer Widerstandsgruppe involviert.
Die Erzählungen sind abwechslungsreich und gut geschrieben. Der Autor schreibt nicht hundert Seiten über Hüzün, die typisch türkische Variante der Melancholie, sondern lässt den Leser diese atmosphärisch spüren. Dabei macht er häufig Anspielungen auf historische und politische Ereignisse, die der Instanbuler Leserschaft sicher unmittelbarer klar sind als einer zentraleuropäischen. Was negativ auffällt, sind die Druckfehler, die einem mindestens drei- bis viermal pro Seite begegnen. Wahrscheinlich waren Beatrix Caner – die Übersetzerin – und/oder die Lektoren unterbezahlt.
Demir Özlü schafft es aber auch so auf knapp 140 Seiten die Atmosphäre, die facettenreichen Stadtbilder und die Menschen der ehemaligen Weltstadt authentisch zu beschreiben. Der „Beginn einer Liebe“ ist vielleicht kein literarisches Meisterwerk aber durchaus eine gute Vorbereitung für einen Istanbulbesuch, und ein hübsche Appetithäppchen zumal.
Michael Gunti |